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Jürgen Krätzer

Kennst du Gotthold Ephraim Lessing?

Jürgen Krätzer eröffnet uns eine neue Sicht auf den Autor. Er war eine faszinierende Persönlichkeit, ein kluger Kopf mit spitzer Zunge und sensiblem Herzen – ein „Freigeist“.

Luise Hensel - Dichterin und  Schuberts „schöne Müllerin“

Luise Hensel - Dichterin und Schuberts „schöne Müllerin“

Hermann Multhaupt

Wer von Luise Hensel spricht, kennt sie als Autorin des vielgerühmten Gebetes und Liedes „Müde bin ich, geh zur Ruh“, das die Jahrhunderte überdauert hat und in manchen Häusern noch heute gebetet wird oder zumindest bekannt ist.

1. Müde bin ich, geh zur Ruh,
schließe meine Augen zu.
Vater, lass die Augen dein
über meinem Bette sein.

 

3. Alle, die mir sind verwandt,
Gott, lass ruhn in deiner Hand;
alle Menschen, groß und klein,
sollen dir befohlen sein.

2. Hab ich Unrecht heut getan,
sieh es, lieber Gott, nicht an.
Deine Gnad und Jesu Blut
machen allen Schaden gut.

 

4. Müde Herzen sende Ruh,
nasse Augen schließe zu.
Lass den Mond am Himmel stehn
und die stille Welt besehn.

So sah Bruder Wilhelm seine Schwester
So sah Bruder Wilhelm seine Schwester

Mit 18 Jahren hat Luise Hensel aus Linum in der Mark Brandenburg dieses Gedicht im Herbst 1816 in Berlin geschrieben. Damit weiß man auch gleich die Dichterin einzuschätzen: Sie ist fromm, unterrichtet als Lehrerin junge Mädchen, pflegt Kranke, unterstützt Arme und entscheidet sich, von so genannten Seelenführen wie dem Jesuiten Heinrich Wüsten beeinflusst, unverheiratet zu bleiben. Diesem Vorsatz ist Luise treu geblieben in der Hoffnung, eines Tages eine eigene Ordensgemeinschaft mit dem Ziel der Armenpflege und ewigen Anbetung gründen zu können. Es kam nie dazu, die Umstände führten sie auf Wege, auf denen sie vermutlich mehr leisten konnte als nach den Regeln einer gottesfürchtigen Gemeinschaft zu leben. Ihre Korrespondenz weist sie als großartige Planerin und Briefschreiberin aus.

Dass Luise Hensel „die schöne Müllerin“ in Schuberts Liederzyklus ist, ist weniger bekannt. Der Dichter Wilhelm Müller, der sie hoch verehrte, hat ihr diese Rolle in seinem Singspiel zugedacht, zu dem Franz Schubert 1823 die Melodie schrieb und in dem der junge Johannes Brahms, später der russische Pianist und Komponist Anton Grigoryevich Rubinstein den Klavierpart übernahm. Der berühmte Komponist, Dirigent und Pianist Felix Mendelssohn Bartholdy war Luises Schwager, seine Schwester Fanny die Schwägerin, denn sie hatte Luises Bruder Wilhelm Hensel geheiratet, der als Hofmaler der preußischen Königsfamilie zu hohen Ehren kam. Diesen Teil ihrer Familiengeschichte streift Luise in ihren zahlreichen Briefen nur oberflächlich, ohne Rückschlüsse auf die Harmonie mit- und untereinander zu ziehen.

 

Luise Hensels Grab auf dem Ostfriedhof in Paderborn
Luise Hensels Grab auf dem Ostfriedhof in Paderborn

Eine enge Freundschaft verband sie mit der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick in Dülmen, wohin der Dichter Clemens Brentano sie mitgenommen hatte. Es geht Luise Hensel immer um Menschen in sozialen Nöten, in Krankheit, Armut und Einsamkeit. Diesem Hilfsmodus bleibt sie zeitlebens treu. Dafür nimmt sie viele Reisen zu unterschiedlichen Zielen auf sich, lernt viele bedeutende Männer und Frauen aus allen Gesellschaftsschichten kennen, bis sie am Ende ihres Lebens in Paderborn endlich zur Ruhe kommt. Im „Westphalenhof“ wird sie von ihrer einstigen Schülerin Pauline von Mallinckrodt, Gründerin der Schwesterngemeinschaft von der Christlichen Liebe, bis zum Tode betreut. Ihr Grab auf dem Ostfriedhof ist erhalten.

* * *

Foto vom Grab: H. Multhaupt

 

 

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